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MPM (Management Performance Measures) – IFRS 18

Kurze Definition

Management Performance Measures (MPMs) sind vom Management definierte Erfolgskennzahlen, die über die IFRS‑vorgesehenen Zwischensummen hinausgehen (z. B. Adjusted EBITDA, Core EBIT, Recurring Operating Profit). Mit IFRS 18 (anwendbar für Geschäftsjahre ab 2027) müssen MPMs verbindlich im Anhang offengelegt, konsistent definiert, periodenstabil angewendet, zum IFRS‑Ergebnis übergeleitet und prüfbar dokumentiert werden. Ziel ist Transparenz, Vergleichbarkeit und Disziplin in der Performance‑Kommunikation.



Kurze Beschreibung

Über Jahre konnten Unternehmen MPMs in Präsentationen und Pressemitteilungen frei gestalten. IFRS 18 zieht diese Kennzahlen in den geprüften Abschluss:

  • Was als „bereinigt“ gilt, muss begründet werden.

  • Jede MPM ist numerisch zum IFRS‑Operativen Ergebnis zu überleiten.

  • Konsistenz ist Pflicht: Zweckmäßigkeit, Definitionen, Bereinigungen und Darstellung über die Zeit.

    Damit wird aus einem Kommunikationsinstrument ein Rechnungslegungs‑ und Governance‑Instrument.



Ausführliche Erklärung

1) Der Status quo und sein Problem: KPI‑Wildwuchs

„Adjusted“, „Normalized“, „Underlying“ – die Vorsilben waren vielfältig, die Logiken oft intransparent. Einzelne Posten wurden als „einmalig“ deklariert, aber regelmäßig wiederholt. Analysten mussten raten, welcher Teil operativ und welcher kosmetisch war. Ergebnis: Scheinvergleichbarkeit zwischen Unternehmen und über die Zeit – und falsche Anreize in der Vergütung.


IFRS 18 beendet diesen Zustand. MPMs werden definiert, dokumentiert, übergeleitet und geprüft. Wiederkehrende „Sondereffekte“ werden sichtbar. Narrative bekommen Rechenpflicht.



2) Was IFRS 18 konkret verlangt

  • Definition & Zweck: Präzise Beschreibung jeder MPM inkl. Intention (warum sie steuerungsrelevant ist).

  • Numerische Überleitung: Von der MPM zur IFRS‑Zwischensumme (typischerweise zum operativen Ergebnis) mit vollständiger Brückenrechnung.

  • Bereinigungslogik: Jede Anpassung ist inhaltlich zu begründen (z. B. Anlaufkosten, Restrukturierung, Sondereffekte) und quantitativ offenzulegen.

  • Konsistenz über Perioden: Definition, Methodik, Darstellung dürfen nicht opportunistisch wechseln. Änderungen sind zu erläutern (inkl. Rückrechnung/Vergleichbarkeit).

  • Kontrollumfeld: IKS‑Kontrollen, Audit‑Trail, Datenherkunft – damit die MPM prüfbar ist.

  • Keine Irreführung: MPMs dürfen IFRS‑Zwischensummen nicht unterlaufen oder verwässern.




3) Die kritische Perspektive: Warum das unbequem – und gut – ist

Für CFOs bedeutet IFRS 18 mehr Arbeit: Policies, Daten, Überleitungen, Dokumentation. Für Investoren, Banken und Aufsicht bedeutet es weniger Informationsasymmetrie. Wiederkehrende „einmalige“ Posten werden als strukturelle Schwäche sichtbar. „Adjusted“ wird vom Marketing‑Label zum Prüfungsobjekt.Die Folge: Höhere Glaubwürdigkeit für starke Unternehmen – und weniger Deckung für kosmetische Erzählungen.




4) DACH‑Kontext: HGB, UGB, Swiss GAAP FER – und dennoch IFRS‑Denke

  • Deutschland (HGB): Vorsichtsprinzip & Glättungstradition. Banken und Analysten werden MPM‑Transparenz zunehmend auch bei HGB‑Bilanzierern verlangen (z. B. in Covenant‑Packs).

  • Österreich (UGB): Ähnliche Freiheitsgrade; IFRS‑18‑Logik wird in Bankenreportings und Großkunden‑Anforderungen hineinwirken.

  • Schweiz (Swiss GAAP FER): Wahlrechte (z. B. Komponentenansatz) erleichtern Komfort – IFRS‑Denke setzt Disziplin. FER‑Abschlüsse mit IFRS‑naher MPM‑Offenlegung genießen Vertrauensvorsprung.


Kernaussage: Man muss nicht nach IFRS bilanzieren, um in IFRS zu denken. MPM‑Transparenz ist Best Practice – regelwerksunabhängig.




Praxisbeispiele (DACH‑realistisch, zahlenbasiert)

Beispiel 1: „Adjusted“ als Spiegel – nicht als Schminke (CH, FER)

Ein Schweizer Industrieunternehmen meldet Adjusted EBITDA 18 %. Bereinigt werden Qualitätskosten, Anlaufverluste, Projektverzüge.

IFRS‑18‑Logik angewandt: Überleitung zeigt operatives EBITDA 11 %; die gleichen „Sondereffekte“ treten seit 4 Jahren auf.

Effekt: Investoren stufen das Risiko höher ein, Bank verlangt höhere Sicherheiten.

Gegenmaßnahme: Einführung eines Qualitäts‑IKS (CoPQ/CoNC), Eskalationsregeln, Prozess‑KPIs in die MPM‑Bridge.

→ Ergebnis nach 12 Monaten: Operativ 13,5 %, Adjusted 14,2 % – Gap sinkt, Glaubwürdigkeit steigt.



Beispiel 2: HGB‑Bilanzierer mit „sauberem“ EVA – aber MPM fällt durch (DE)

Ein Maschinenbauer zeigt positiven EVA, WACC 8,2 %, stabile GuV/ER.

MPM‑Überleitung deckt auf: Jährliche „einmalige“ Restrukturierungskosten (Personal) und Bestandsbereinigungen. CCC verschlechtert sich (DSO +9 Tage, DIO +11 Tage).

Bankenreaktion: Covenant‑Nachschärfung, Forderung nach IFRS‑naher MPM‑Darstellung.

Maßnahmen: WCM‑Programm, SKU‑Bereinigung, Time‑to‑Invoice verkürzt, Vendor‑Terms neu verhandelt.

Outcome: CCC −22 Tage, Zinsmarge −70 bp, WACC 7,5 %. MPM‑Gap halbiert.

s. auch Cashflow‑Wirkungskette


Beispiel 3: UGB‑Retailer – Marketing‑MPM vs. IFRS‑18‑Tauglichkeit (AT)

Der Händler berichtet „Core Operating Profit“ (Marketing‑MPM) ohne belastbare Überleitung.

IFRS‑18‑Prüf‑Sim: Klassifizierung unklar, Abgrenzung zu Rabatten, Returns, Ladenschließungen fehlt.

Folge: IR‑Vertrauen sinkt, Analysten bauen eigene KPI‑Definitionen → Vergleichbarkeit bricht.

Fix: MPM‑Policy (Definitionen, zeitliche Konsistenz, Schwellenwerte), Anhang‑Bridge, Roll‑Forward.

Ergebnis: IR‑Call: „Wir sehen die Struktur jetzt; eure Story ist belastbar.“



Typische Fehler & Missverständnisse

  1. „MPMs werden verboten.“ – Falsch. Erlaubt, aber diszipliniert.

  2. „Wir ändern Definitionen nach Bedarf.“ – Konsistenzpflicht; Änderungen erläuterungs‑ und ggf. rückrechnungsbedürftig.

  3. „Adjusted EBITDA = automatisch seriös.“ – Nur mit klarer Logik, Überleitung, IKS‑Kontrollen.

  4. „Nur IFRS‑Konzerne betroffen.“ – Banken/Investoren übertragen die Logik auf HGB/UGB/FER.

  5. „Das ist ein Finance‑Thema.“ – Nein. Operative Funktionen (Produktion, Vertrieb, Einkauf, HR, Legal) liefern die Bereinigungsdaten.



Daten, Kontrollen & Governance (IKS‑Anforderungen)

  • Datenquellen & Lineage: ERP, BI, Subledger, Projektsysteme; Versionierung & Nachvollziehbarkeit.

  • Kontrollen: Vier‑Augen‑Prinzip, Schwellenwerte, Definition‑Gate (was gilt als bereinigungsfähig?), Perioden‑Konsistenz‑Check.

  • Dokumentation: MPM‑Definition, Bereinigungsregister, Überleitungs‑Workbook, Change‑Log (mit Datum, Grund, Impact).

  • Rollen: Owner je MPM (Finance), Fach‑Data‑Owner (z. B. Quality, Legal), Controlling (Methodik), IR (Kommunikation), Internal Audit (Wirksamkeitsprüfung).

  • Assurance‑Readiness: Revisionssichere Ablage, Audit‑Evidence je Bereinigung, Link zum operativen Prozess.



Auswirkungen auf Covenants, Ratings & IR

  • Covenants: Banken verlangen definierte KPI‑Begriffe und Überleitbarkeit; opportunistische Bereinigungen erhöhen Margen.

  • Ratings: Wiederkehrende „einmalige“ Posten → Risikozuschlag; stabile MPM‑Policy → Vertrauensbonus.

  • IR/Guidance: Guidance‑Bandbreiten stehen unter MPM‑Kohärenzvorbehalt; Guidance‑Brücken erhöhen Glaubwürdigkeit.



IT/BI‑Integration (praktikabel im Mittelstand)

  • Single Source of Truth: MPM‑Berechnungen im BI, nicht in Excel‑Insellösungen.

  • Standard‑Views: Überleitungs‑Views, Perioden‑Vergleich, Definition‑Tooltip in Reports.

  • „Change once, reflect everywhere“: Definitionen zentral gepflegt → automatische Ausleitung in Board‑Pack, IR‑Slides, Banken‑Packs.

  • Agentic‑Assistenz: Alerts bei Definition‑Drift, wiederkehrenden Sondereffekten, Konsistenzverletzung.



Schritt‑für‑Schritt‑Leitfaden (Operative Einführung in 8 Wochen)

Woche 1–2 – Inventur & Policy

  • Alle aktuell genutzten „Adjusted/Underlying“-KPIs inventarisieren.

  • MPM‑Policy schreiben: Definition, Zweck, Bereinigungskatalog, Schwellen, Konsistenzregeln, Owner, IKS‑Kontrollen.

Woche 3–4 – Überleitungen & Datenpfade

  • Pro MPM Brückenrechnung zum operativen IFRS‑Ergebnis aufsetzen.

  • Datenquellen, Buchungsregeln, Verantwortliche dokumentieren; Audit‑Trail aktivieren.

Woche 5–6 – BI‑Rollout & Test

  • Standardisierte Dashboard‑Tiles (MPM ↔ IFRS) und Periodenvergleich bauen.

  • Test‑Run (Vorjahre rückwärts), Konsistenz‑Check, Internal‑Audit‑Dry‑Run.

Woche 7–8 – Governance & Kommunikation

  • IR‑Narrativ & Banken‑Pack harmonisieren.

  • Vergütung auf prüfbare MPM ausrichten (Bonus‑Formeln, Caps, Clawbacks).

  • Go‑Live: Erste Veröffentlichung mit voller Überleitung und Methoden‑Note.

→ Interner Link: Board‑Rituale, Vergütungssysteme, Internal Audit


KPIs & Metriken, die MPMs flankieren sollten

  • Cash‑nah: CCC, DSO/DPO/DIO, Time‑to‑Invoice, Operating Cash Flow.

  • Qualität: CoPQ/CoNC, FPY, Ausschussquote.

  • Energie: kWh/Einheit, Peak‑Kosten, CO₂‑Intensität.

  • Wachstum/Vertrieb: Net Revenue Retention, Gross/Net Churn, Mix‑Effekte.

  • ESG: Ereignisse/Incidents, Assurance‑Status, Ratingänderungen.

s. auch Qualitäts‑Wirkungskette, Energie‑Effizienz‑Kette, ESG‑Reporting


FAQ (aus CFO‑Sicht, DACH‑spezifisch)

Brauchen HGB/UGB/FER‑Unternehmen MPMs nach IFRS‑18‑Art?

Formal nein, ökonomisch ja: Banken/Investoren honorieren Transparenz & Überleitbarkeit.


Sind MPMs gefährlich für die Vergütung?

Im Gegenteil: Saubere MPMs verhindern Gaming und stärken Pay‑for‑Performance.


Was, wenn wir „zu viele“ Sondereffekte haben?

Dann liefern MPMs ein Frühwarnsystem. Die Aufgabe ist, die Operative zu verbessern, nicht die Kennzahl.


Wie tief muss die Dokumentation sein?

So tief, dass ein Prüfer die Überleitung ohne Rückfragen nachvollziehen kann (Assurance‑ready).



NextLevel‑Praxischeck (Selbsttest)

  1. Definition: Ist jede MPM präzise (Formel, Zweck, Ausschlüsse, Schwellen)?

  2. Überleitung: Können wir monatlich/Quartal die vollständige Brücke zum operativen Ergebnis zeigen?

  3. Konsistenz: Sind Definitionen über 3+ Jahre stabil – Änderungen dokumentiert & rückgerechnet?

  4. IKS: Gibt es Owner, Kontrollen, Audit‑Trail, Belegkette?

  5. IR/Covenants: Sind Banken‑Pack und IR‑Slides mit den gleichen MPMs konsistent?

  6. Vergütung: Sind Boni an prüfbare MPMs gekoppelt (mit Caps/Clawbacks)?

  7. Operativ: Reduzieren MPM‑„Sondereffekte“ sich sichtbar (Qualität, Energie, Supply Chain)?

  8. Assurance‑Ready: Würde eine IFRS‑18‑Prüfung heute bestehen?





NextLevel‑Statement

„MPMs sind kein rhetorischer Schutzwall mehr. IFRS 18 verwandelt Erzählungen in Evidenz. Wer operativ stark ist, gewinnt Glaubwürdigkeit. Wer an Bereinigungen hängt, verliert sie. Werthaltige Führung heißt: MPMs so sauber bauen, dass sie dem härtesten Investor die Brücke ins IFRS‑Ergebnis legen –ohne Fußnoten, ohne Winkelzüge, ohne Ausreden.“

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