Agentic AI in Finance
Definition
Agentic AI bezeichnet eine Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz, bei der Systeme nicht nur auf Fragen reagieren, sondern als autonome Akteure innerhalb definierter Leitplanken Ziele verfolgen. Im Finance‑Kontext heißt das: KI‑Agenten planen und steuern eigenständig komplexe Workflows, bedienen Tools wie ERP‑, Konsolidierungs‑ und Reporting‑Systeme, ziehen Daten zusammen, treffen Vorentscheidungen und bereiten Ergebnisse so auf, dass sie prüfbar, anschlussfähig und steuerungsrelevant sind. Agentic AI ist damit mehr als Automatisierung – sie ist eine operative Instanz im Finanzprozess. Damit Agentic AI autonom agieren kann, benötigt sie Zugriff auf verlässliche Datenprodukte, wie sie in einem Finance Data Mesh definiert werden.
Kurz zusammengefasst:
Kein „besserer Chatbot“, sondern prozessführender Akteur mit Governance‑Grenzen.
Ziele statt Einzelschritte: Outcome‑orientiert statt prompt‑getrieben.
Kurze Beschreibung
Vom Chatbot zum digitalen Kollegen: Agentic AI befähigt Finanzorganisationen, wiederkehrende, datenintensive Aufgaben wie ESG‑Datensammlung, Abweichungsanalysen, Cashflow‑Prognosen oder Lieferanten‑Scorings eigenständig auszuführen. Der Mensch definiert Ziele, Regeln und Eskalationspfade; der Agent orchestriert Datenflüsse und Interaktionen – bis hin zu E‑Mails an Kostenstellenverantwortliche, Ticketerstellung, Systembuchungen innerhalb enger Leitplanken oder dem Entwurf prüfbarer Berichtssektionen.

Ausführliche Beschreibung
Klassische Generative AI (GenAI) reagiert in der Regel auf Prompts und liefert Text, Code oder Analysen. Agentic AI geht weiter: Sie erhält einen Zielauftrag („Erstelle den monatlichen Cashflow‑Bericht, identifiziere die drei größten Liquiditätsfresser und formuliere Maßnahmen“) und zerlegt ihn selbstständig in Teilaufgaben. Der Agent greift auf Bankdaten, ERP‑Buchungen, Forecasts und Vertragsdaten zu, validiert Konsistenzregeln, fragt fehlende Informationen strukturiert an, dokumentiert Quellen und erzeugt ein auditfähiges Ergebnis – inklusive Belegketten und Versionierung.
Damit verschiebt sich die Rolle des Finance‑Teams: vom Datensammler zum Orchestrator. Finance definiert Entscheidungslogiken, Schwellenwerte und Eskalationspfade, überwacht die Agenten, prüft die Ergebnisreife und verantwortet die Interpretation für Management und Kapitalmarkt. Der Produktivitätshebel entsteht nicht durch „mehr KI“, sondern durch klare Governance und sauber modellierte Prozesse. Ohne diese Leitplanken erzeugen Agenten Tempo – aber keine Verlässlichkeit.
Kurz zusammengefasst:
Paradigmenwechsel: Entscheidungslogik > Datensuche.
Produktivität entsteht durch Governance + Prozess‑Design, nicht nur durch Modell‑Power.
DACH‑Navigator: Umsetzung & Rechtssicherheit
Der DACH‑Raum ist innovationsfreundlich, aber Governance‑intensiv. Agentic AI muss Datenschutz, Aufbewahrung, Nachvollziehbarkeit und Arbeitsrecht berücksichtigen. Die Regelwerke unterscheiden sich – besonders zwischen EU und Schweiz.
Orientierung (vereinfachend):
Kriterium | Deutschland (HGB) / Österreich (UGB) | Schweiz (Datenschutz / DSG) |
Regulierung | Starke Bindung an den EU AI Act; Hochrisiko‑Fokus (z. B. Kreditwürdigkeit, Scoring). | Prinzipienbasiertes nDSG; Fokus auf Transparenz, Zweckbindung, Verhältnismäßigkeit. |
Prüfbarkeit | Wirtschaftsprüfer erwarten Algorithm‑Audit: Nachvollziehbarkeit, Data Lineage, Kontrollen. | Fokus auf Human‑in‑the‑Loop und dokumentierte Verantwortlichkeiten. |
Governance | Häufig erforderlich: KI‑Betriebsvereinbarung (Arbeitsrecht, Mitbestimmung). | Starker Fokus auf Datensouveränität (Cloud‑Regionen, On‑Prem‑Optionen). |
In der Praxis heißt das: Agenten müssen multi‑standard‑fähig sein. Ein System ohne Human‑in‑the‑Loop, ohne Aufbewahrungs‑/Archivierungslogik (GoBD in DE, GeBüV in CH) oder ohne Begründungspflichten für Entscheidungen ist im Finanzbereich nicht produktionsreif.
Kurz zusammengefasst:
Regulatorik‑first: Architektur, Logging, Rollen, Freigaben von Anfang an mitdenken.
Multi‑Jurisdiktion ist Standardfall, nicht Ausnahme.
Grenzübertritt‑Realität: Der NextLevel‑Check 🇨🇭🇩🇪🇦🇹
Ein Schweizer Unternehmen nutzt einen Agenten zur automatisierten Rechnungsverarbeitung für deutsche und österreichische Tochtergesellschaften. Die KI muss USt‑Logiken, Steuerschlüssel, Beleganforderungen und Archivierungspflichten (GoBD in DE, GeBüV in CH) korrekt differenzieren. Scheitert die Konfiguration oder fehlen länderspezifische Prüfschritte, entstehen Compliance‑Lücken, die erst im Audit sichtbar werden. Die Lösung ist ein Policy‑basiertes Agenten‑Design: länderspezifische Regelwerke, Freigabeschwellen, Eskalationsketten und Begründungszwang bei Unsicherheit – mit automatischer Dokumentation im Audit‑Trail.
Vor‑ und Nachteile
Die Effekte von Agentic AI sind beeindruckend: Massive Effizienzgewinne, niedrigere Fehlerraten bei Routinetätigkeiten, 24/7‑Monitoring von Transaktionen, Skalierbarkeit ohne linearen Personalaufbau und eine höhere Frequenz von Berichten, Forecasts und Analysen. Der Preis: Hohe Ansprüche an Datenqualität („Garbage in, Garbage out“), Black‑Box‑Risiko ohne erklärbare Logiken, neue Skills (Prompt‑/Policy‑Design, AI‑Orchestration) und vor allem der Bedarf an einem robusten IKS, das KI‑Schritte wie Finanzprozesse kontrolliert.
Kurz zusammengefasst:
Plus: Effizienz, Qualität, Skalierung, Echtzeit‑Transparenz.
Minus: Datenqualität, Erklärbarkeit, Skill‑Gap, IKS‑Aufwand.
Praxisbeispiel
Ein CFO im DACH‑Raum setzt Agentic AI im ESG‑Reporting ein. Der Agent liest Energierechnungen aus drei Ländern, normalisiert Einheiten, wandelt sie in CO₂‑Äquivalente um, erkennt fehlende Belege und schreibt die Standortleiter mit kontextbezogenen Rückfragen an. Er gleicht Werte mit ERP‑Konten und Zählerständen ab, dokumentiert Quellen, Versionen, Freigaben und erzeugt einen prüfungsbereiten Berichtsentwurf – inklusive Methodik‑Sektion und Abweichungskommentaren. Die Rolle des Teams: Ziele, Regeln, Toleranzen, Freigaben; das System: verlässliche Ausführung und lückenlose Nachweise.
Typische Fehler und Missverständnisse
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, KI mache „keine Fehler“. Agenten können halluzinieren, falsch generalisieren oder Regelkonflikte übersehen. Kritisch ist ein fehlendes Monitoring‑System: Ohne Watchtower‑Logik, Eskalationspfade und Kill‑Switch eskalieren kleine Fehler leise in die Breite. Häufig wird Agentic AI zudem als reines IT‑Projekt gesehen. In Wahrheit ist es Prozess‑Design mit IKS‑Konsequenzen: Freigabestufen, Vier‑Augen‑Prinzip, Cut‑off‑Regeln, Policy‑Checks und Segregation of Duties müssen neu gedacht werden.
Ein weiterer Fehler ist die Überautomatisierung ohne klare Definition entscheidungsreifer Ergebnisse. Agenten dürfen Vorschläge machen; Verantwortung und Haftung bleiben beim Menschen.
Kurz zusammengefasst:
Hauptfallen: fehlendes Monitoring, IT‑Only‑Denken, kein IKS, Überdelegation.
Wechselwirkungen & Vernetzung
In ESG‑Reporting ist Agentic AI oft die einzige realistische Antwort auf die Datenflut der CSRD/ESRS. In IFRS‑Prozessen hilft sie, Konten Operating/Investing/Financing (IFRS 18) konsistent zuzuordnen und Narrative mit Zahlen zu synchronisieren. Besonders heikel und wertstiftend ist IAS 36 (Impairment): Agenten überwachen laufend Klimapreise, Auslastung, Energieintensität, Störfälle und Regulierung und melden Triggering Events, bevor sie in Jahresabschlüssen sichtbar werden. In der Prüfung ermöglichen KI‑gestützte Tests 100 %‑Population‑Checks statt Stichproben, mit höherer Assurance‑Qualität – vorausgesetzt, die Agenten sind prüfbar konzipiert.
Digitalisierung & KI‑Prompt‑Corner
Agentic AI braucht Systemanschluss: ERP, Konsolidierung, BI, DMS, Ticketing, E‑Mail, Collaboration. Ohne diese Integration bleibt sie ein Pilot.
Denkanstoß‑Prompt für dein Controlling (Agent‑Design, nicht produktiv):„Du agierst als Finanz‑Analyst‑Agent. Greife auf Budgetdaten (CSV) und Ist‑Daten (ERP‑Export) zu. Identifiziere Abweichungen > 5 % auf Kostenstellenebene. Erstelle für jede Abweichung eine Hypothese zur Ursache basierend auf Buchungstexten und entwirf eine E‑Mail‑Anfrage an die jeweiligen Abteilungsleiter. Dokumentiere Datenquellen, Prüfregeln, Schwellenwerte und erzeuge einen Audit‑Trail mit Zeitstempel und Verantwortlichen.“
CFO‑ & Controlling‑Perspektive
Für die CFO‑Organisation zählt Steuerbarkeit. Agentic AI senkt WACC‑Treiber (z. B. durch weniger Fehler, schnellere Abschlüsse, bessere Transparenz), erhöht die Forecast‑Güte, beschleunigt Working‑Capital‑Programme (automatisierte Klärung von Deductions, Disputes, Term‑Optimierung), liefert rolling Forecasts mit höherer Frequenz und koppelt ESG‑KPIs an Planungslogiken. Entscheidender Erfolgsfaktor ist die Verzahnung mit Value‑Driver‑Trees: Welche Hebel misst der Agent? Welche Schwellen lösen Maßnahmen aus? Welche Capex‑Roadmap folgt daraus?
Kurz zusammengefasst:
Agentic AI wirkt erst, wenn Budget, Forecast, Investitionsrechnung und Vergütung angebunden sind.
Audit, Assurance & Governance
Prüfungsfähigkeit entsteht durch Design‑Entscheidungen: erklärbare Regeln, Policy‑Engines, Logging, Versionierung, Rollentrennung, Vier‑Augen‑Freigaben, Stichproben‑Override und Begründungspflichten. Wirtschaftsprüfer erwarten Nachvollziehbarkeit der Agentenschritte (Inputs, Regeln, Outputs) und Konsistenz mit Finanzdaten. Ein internes Kontrollsystem (IKS) im Finance wie auch ESG‑IKS/AI‑IKS mit definierten Kontrollen (z. B. Validierungen zwischen Zähler, Rechnung, ERP‑Konto) ist Pflicht. Ohne Governance wird Agentic AI zum Skalierer von Fehlern – mit Governance zum Qualitätsmotor.
Reifegradmodell (NextLevel)
Ein klares Reifegradmodell hilft bei Planung und Kommunikation:
Pilot & Playground – isolierte Use Cases, manuelle Freigaben, Lernphase.
Governed Automation – Policies, Logging, einfache Eskalationen, Teilprozesse.
Process Orchestration – End‑to‑End‑Agenten, IKS‑Integration, KPI‑Kopplung.
Decision Co‑Pilot – Agenten schlagen Maßnahmen vor, Management mit Human‑in‑the‑Loop entscheidet; KPIs in Budget/Forecast gekoppelt.
Autonomous Finance Cells – mehrere Agenten koordinieren Wertströme (ESG, Working Capital, Close), Assurance‑ready, Multi‑Jurisdiktion nativ.
Rollen & Skills
Neue Rollen entstehen an der Schnittstelle von Finance, Daten und Governance: AI Finance Orchestrator, ESG‑Data Owner, Agent Policy Designer, AI Risk & Compliance Manager und Internal AI Auditor. Fachlich zählen IFRS/FER‑Know‑how, Prozess‑ und IKS‑Kompetenz, Policy‑Modellierung, Datenqualität und Change‑Fähigkeit.
NextLevel‑Praxischeck
Sind Agenten‑Policies dokumentiert (Datenquellen, Regeln, Schwellen, Eskalation)? Gibt es einen Audit‑Trail mit Zeitstempeln und Verantwortlichen? Ist Human‑in‑the‑Loop verbindlich definiert – mit klarem Abbruchrecht? Sind länderspezifische Steuer‑/Archivierungspflichten im Design berücksichtigt (GoBD, GeBüV)? Sind KPIs an Budget/Forecast und Management‑Vergütung gekoppelt? Und: Ist die Cloud/On‑Prem‑Strategie mit Datenschutz und Betriebsrat/Personalvertretung abgestimmt?
Kurz zusammengefasst:
Ohne Policy + IKS + Integration keine Produktivreife.
Ohne Vergütungs‑Kopplung keine nachhaltige Nutzung.
NextLevel‑Thesen
Agentic AI ersetzt keine Buchhalter – aber sie verändert radikal, was exzellente Buchhalter können müssen. Die Qualität der Finanz‑Governance entscheidet über den Erfolg, nicht die Rechenpower. Trustworthy AI wird im DACH‑Raum zum Wettbewerbsvorteil gegenüber Black‑Box‑Lösungen ohne Erklärbarkeit. In drei bis fünf Jahren ist Agent‑ready Finance so selbstverständlich wie Monthly Close und Forecast Cycle.
NextLevel‑Statement
„Agentic AI ist das Ende der Ära des Daten‑Schaufelns. Wir bewegen uns vom Reagieren zur proaktiven Finanzsteuerung. Wer seine Prozesse jetzt nicht agent‑ready macht – mit Policies, IKS und Systemanschluss – verliert den Anschluss an die digitale Weltspitze.“
