top of page
< Back

True & Fair View – was „wahr und fair“ in der Rechnungslegung wirklich bedeutet

Kurze Definition

True & Fair View bedeutet, dass ein Abschluss die wirtschaftliche Realität zutreffend und unverzerrt darstellt – nicht nur formal regelkonform, sondern inhaltlich ehrlich. Im IFRS‑Verständnis ist „wahr und fair“ kein Etikett, sondern das Prüfkriterium für jeden Bilanzierungsentscheid: Wo reine Detailregeln versagen oder Ermessenslücken lassen, gilt der Grundsatz, dass Inhalt vor Form geht und wesentliche Sachverhalte so offengelegt werden, dass sachkundige Leser die Lage des Unternehmens richtig beurteilen können. Kurz: True & Fair View ist die Pflicht zur Transparenz – nicht zur Kosmetik.



Ausführliche Erklärung

Der Gedanke hinter True & Fair View ist ebenso simpel wie anspruchsvoll: Ein Abschluss dient der Wahrheitspflicht gegenüber Stakeholdern. Regeln, Methoden und Modelle sind Mittel zum Zweck – nicht der Zweck selbst. Genau deshalb ist Transparenz kein „Nice to have“, sondern das zentrale Qualitätsmerkmal von Rechnungslegung.


In der Praxis verlangt das drei Dinge:

  1. Substance over Form: Verträge, Strukturen und Transaktionen werden so abgebildet, wie sie wirtschaftlich wirken. Wenn ein Leasingvertrag wirtschaftlich einer Finanzierung entspricht, gehört die Verpflichtung auf die Bilanz – auch wenn die juristische Form den Anschein von Miete erweckt.

  2. Ermessensentscheidungen offenlegen: Wo Schätzungen und Modelle unvermeidlich sind (Impairment‑Tests, Fair‑Value‑Bewertungen, Umsatzrealisierung bei komplexen Verträgen), müssen Annahmen, Parameter und Sensitivitäten nachvollziehbar dokumentiert und im Anhang erläutert werden. Wer „True & Fair“ ernst nimmt, macht Unsicherheit sichtbar – er versteckt sie nicht hinter pauschalen Floskeln.

  3. Wesentlichkeit mit Verantwortung: Wesentlich ist, was die Entscheidungsfindung von Adressaten beeinflusst. True & Fair View heißt, nicht zu wenig zu zeigen – aber auch nicht zu ersticken in Irrelevanz. Gute Berichte gewichten: Sie erklären das Relevante gründlich und lassen das Unwesentliche beiseite.


Der Anspruch „wahr und fair“ ist damit strenger als bloße Regelbefolgung. Er ordnet die Regeln unter das Ziel, die ökonomische Wirklichkeit verständlich zu machen – auch dann, wenn diese Realität unangenehm ist.



True & Fair View im IFRS‑Kontext

IFRS ist konsequent auf Transparenz gebaut. Drei Beispiele zeigen, wie „True & Fair“ in IFRS konkret wird:

  • IFRS 16 (Leasing) bringt nahezu alle Leasingverhältnisse als Right‑of‑Use‑Vermögenswert und Leasingverbindlichkeit auf die Bilanz. Die Finanzierungsrealität wird sichtbar, Off‑Balance‑„Kosmetik“ wird verhindert.

  • IFRS 15 (Umsatz mit Kundenverträgen) ersetzt „Rechnungsdatum = Umsatz“ durch Leistungspflichten, Kontrollübergang und klare Regeln für variable Gegenleistungen. Damit werden Scheinumsätze vermieden und die Qualität des Umsatzes belegbar.

  • IAS 36 / IFRS 13 (Impairment & Fair Value) verlangen strukturierte Werthaltigkeitsprüfungen und marktorientierte Bewertungslogiken. Wertverluste werden nicht weichgezeichnet, sondern offengelegt – samt Annahmen und Sensitivitäten.


Gemeinsam sichern diese Standards, dass Zahlungsströme, Risiken und Werttreiber so gezeigt werden, wie sie tatsächlich wirken. Genau das ist True & Fair View in Aktion.



Warum wir Swiss GAAP FER hier kritisch sehen

Swiss GAAP FER ist in vielen Bereichen pragmatischer und leichter umzusetzen. Für uns ist das Problem: Pragmatismus ersetzt keine Transparenz. Wo IFRS ökonomische Wirklichkeit sichtbar macht, erlaubt FER vereinfachte Darstellungen – etwa bei Goodwill‑Amortisation statt strenger Impairment‑Pflicht oder bei Leasing, wo die Bilanzwirkung weniger umfassend abgebildet wird. Das Resultat ist ein ruhigeres, aber ärmeres Bild der Realität. Unsere Position ist eindeutig: Wer True & Fair View ernst meint, braucht IFRS‑Tiefe.



Praxis: Wie man True & Fair View lebt (nicht nur behauptet)

1) Policies schreiben, die Entscheidungen erklären Eine Bilanzierungsrichtlinie ist kein Regelkatalog, sondern eine Begründungsschrift: Warum wurde welche Methode gewählt? Welche Alternativen wurden verworfen? Welche Schwellenwerte gelten und warum?

2) Ermessensannahmen quantifizieren Bei Impairments, Fair‑Value‑Bewertungen, erwarteten Kreditverlusten oder Umsatzvariablen gehören Kernparameter (z. B. Wachstumsraten, Diskontsätze, Churn‑Quoten) transparent in den Anhang – mitsamt Sensitivitätsanalysen. So wird Unsicherheit adressierbar.

3) Innen‑ und Außensteuerung verzahnen Kennzahlen, die das Management intern nutzt, müssen konsistent zur externen Berichterstattung sein. Abweichungen sind begründungspflichtig. Wer innen mit „angepassten“ KPIs steuert, außen aber anderes berichtet, verliert Vertrauen.

4) Leasing und Finanzierungen enttarnen Wenn Transaktionen wirtschaftlich Finanzierungen sind, gehören sie sichtbar in die Bilanz. True & Fair View neutralisiert Bilanzkosmetik – kurzfristige Bequemlichkeit darf der langfristigen Glaubwürdigkeit nicht im Weg stehen.

5) Umsatz heißt Leistung – nicht Beleg Vertragliche Leistungspflichten klar definieren, Abnahmebedingungen präzise dokumentieren, variable Gegenleistungen mit realistischen Annahmen belegen. So bleibt Umsatz prüfbar und streitarm.



Typische Fehlinterpretationen (und wie man sie vermeidet)

  • „True & Fair View“ = hübsch & glatt Falsch. „Wahr und fair“ heißt unbequeme Wahrheiten abbilden: Wertminderungen, verpflichtende Leasingverbindlichkeiten, volatile Cashflows. Glaubwürdigkeit schlägt „Glätte“.

  • „Regel erfüllt = Ziel erfüllt“ Falsch. Regelkonformität ist Mindeststandard. True & Fair View verlangt, zu prüfen, ob das Gesamtbild wirtschaftlich stimmt – und fehlende Einsichten freiwillig zu erläutern.

  • „Wesentlichkeit“ = weglassen Falsch. Wesentlichkeit ist Fokus, nicht Sparprogramm. Weglassen ist nur zulässig, wenn es die Urteilsbildung nicht beeinträchtigt. Im Zweifel: besser erklären.



Vorteile einer konsequenten True & Fair‑Praxis

Unternehmen, die True & Fair View leben, profitieren dreifach:

  • Finanzierung: Weniger Unsicherheit → engere Spreads, bessere Ratings, planbarere Liquidität.

  • Führung: Bessere Entscheidungsgrundlagen → weniger Bias, weniger Restatements, weniger Überraschungen.

  • Reputation: Vertrauen bei Banken = geringere Kapitalkosten (< WACC), Investoren, Mitarbeitenden und Aufsicht – der wertvollste Rohstoff moderner Unternehmen.



NextLevel‑Statement

„True & Fair View“ ist keine Floskel, sondern ein Führungsprinzip. Wir stehen für IFRS‑Transparenz, die wirtschaftliche Realität sichtbar macht – selbst wenn sie wehtut. Alles andere ist Nice Accounting. Wer Vertrauen, Kapitalzugang und Steuerungsfähigkeit will, wählt die Wahrheit – und berichtet sie so, dass jeder sie versteht. Wer wie wir den Gedanken des True & Fair View konsequent zu Ende denkt, kommt zwangsläufig zu einem Schluss: Die ultimative Form der Transparenz ist das Tokenized Accounting.




FAQs zu "True-and-fair-view":

1) Was bedeutet „True & Fair View“ einfach erklärt?

„True & Fair View“ bedeutet, dass ein Jahresabschluss die wirtschaftliche Realität ehrlich, nachvollziehbar und unverzerrt darstellt – und zwar unabhängig davon, ob Regeln jedes Detail abdecken. Ein Abschluss ist erst dann „wahr und fair“, wenn ein sachkundiger Leser ohne weitere Informationen versteht, wie es dem Unternehmen tatsächlich geht. Es geht nicht darum, „glatte Zahlen“ zu präsentieren, sondern Risiken, Chancen, Cashflows und Werttreiber in ihrer echten Wirkung sichtbar zu machen.


2) Warum gilt „True & Fair View“ als der wichtigste Grundsatz der IFRS?

Weil die IFRS bewusst so aufgebaut sind, dass die Wahrheit wichtiger ist als die Form. Die Standards verlangen eine Darstellung, die wirtschaftliche Sachverhalte substanziell erklärt – selbst dann, wenn dies zu volatilen Ergebnissen, Wertminderungen oder umfangreichen Angaben führt. Im IFRS‑Konzept steht Transparenz über Bequemlichkeit, weil nur ein ehrlicher Abschluss richtige Entscheidungen bei Investoren, Banken, Analysten und dem Verwaltungsrat ermöglicht.


3) Ist Swiss GAAP FER ebenfalls True & Fair View – oder nur teilweise?

Swiss GAAP FER übernimmt den Begriff „wahr und fair“ rhetorisch, erfüllt ihn aber inhaltlich nur eingeschränkt. Während IFRS Leasing, Goodwill, Wertminderungsrisiken und Umsatzmodelle vollständig sichtbar macht, erlaubt FER vereinfachte Darstellungen, die wirtschaftliche Realität glätten. Wer Transparenz als Führungsprinzip versteht, kommt daher nicht mit FER‑Tiefe aus. Für uns ist klar: True & Fair lebt nur in IFRS vollständig.


4) Warum ist True & Fair View kein „Optik‑Verbesserungs‑Instrument“?

Viele Unternehmen missverstehen True & Fair View als Einladung, ein „ordentliches“ Bild zu zeigen. In Wahrheit ist der Grundsatz das Gegenteil: True & Fair verpflichtet dazu, unangenehme Wahrheiten offen zu legen. Dazu gehören Wertminderungen, Abwärtsrisiken, volatile Cashflows, Bilanzierungsunsicherheiten oder Leasingverpflichtungen. Wer versucht, durch Wahlrechte, Glättungen oder fehlende Annahmen ein „schönes“ Bild zu zeichnen, verletzt den Kern des Prinzips – auch wenn die formalen Regeln eingehalten werden.


5) Welche Rolle spielt „Substance over Form“ beim True & Fair View?

„Substance over Form“ ist der Motor hinter True & Fair View: Wenn die wirtschaftliche Substanz einer Transaktion etwas anderes aussagt als ihre juristische Form, muss der Abschluss der Substanz folgen. Ein Leasingvertrag, der wirtschaftlich einer Finanzierung entspricht, muss als solche gezeigt werden. Ein Vertrag mit multiplen Leistungspflichten muss als mehrteiliger Umsatzprozess abgebildet werden. „Form“ ist nur die Hülle; „Substanz“ entscheidet über die Darstellung.


6) Wie erkenne ich, ob ein Abschluss wirklich True & Fair ist?

Ein Jahresabschluss ist erst dann wirklich „wahr und fair“, wenn:

  • Ermessensannahmen genannt und erklärt werden (nicht versteckt).

  • Unsicherheiten sichtbar sind, anstatt „wegglättet“ zu werden.

  • Leasingverhältnisse, Risiken und Verpflichtungen nachvollziehbar dokumentiert werden.

  • Die Umsatzlogik klar zeigt, welche Leistungen tatsächlich wann erbracht wurden.

  • Innen‑KPIs und Außen‑KPIs konsistent sind – oder Abweichungen plausibel erklärt werden.

    Wenn Zahlen „zu ruhig“ aussehen, obwohl das Geschäft volatil ist, fehlt oft True & Fair.


7) Warum ist der IFRS‑Impairment‑Only‑Approach (IAS 36) so zentral für True & Fair View?

Weil er verhindert, dass Wertverluste über Jahre „weichgezeichnet“ werden. Während Swiss GAAP FER Goodwill einfach über mehrere Jahre amortisiert – was die Realität verschleiert – zwingt IAS 36 Unternehmen dazu, jedes Jahr zu prüfen, ob Vermögenswerte tatsächlich noch ihren Wert haben. Wertminderungen müssen transparent gezeigt werden, inklusive Annahmen, Diskontierungssätzen und Sensitivitäten. Das ist True & Fair im Kern: Wertverluste gehören gezeigt, nicht verteilt.


8) Wie unterstützt IFRS 16 (Leasing) den True‑and‑Fair‑Anspruch?

IFRS 16 macht die finanzielle Realität von Miet‑ und Leasingverträgen sichtbar, indem es Nutzungsrechte und Verpflichtungen auf die Bilanz bringt. Damit verschwinden Off‑Balance‑Effekte, die unter einfacheren Standards weiterhin existieren. Der Unterschied ist gewaltig: Ein Unternehmen wirkt unter IFRS ehrlicher verschuldet und realistischer finanziert. True & Fair View verlangt genau diese Sichtbarkeit.


9) Was ist der Unterschied zwischen „regelkonform“ und „True & Fair“?

Regelkonformität bedeutet lediglich, dass ein Unternehmen die Mindestanforderungen erfüllt. True & Fair View verlangt deutlich mehr: Der Abschluss muss auch dann korrekt, verständlich und ehrlich sein, wenn ein Standard eine Lücke lässt oder etwas nicht präzise regelt. Im Zweifel gilt immer: Transparenz vor bequemem Schweigen.


10) Welche Risiken entstehen, wenn ein Unternehmen True & Fair View nicht ernst nimmt?

Wer Transparenz‑Pflichten ignoriert, riskiert:

  • Vertrauensverlust bei Banken, Investoren und Aufsicht.

  • höhere Fremdkapitalkosten wegen Informationsasymmetrien.

  • Restatements in Folgejahren (Reputationsschäden).

  • Entscheidungsverzerrungen im Management.

  • Cumulated Errors im IKS – mit echten finanziellen Schäden.

Kurz: Mangelnde Transparenz ist kein Kostenvorteil, sondern ein Risikoaufschlag.


11) Wie können Unternehmen True & Fair View im Alltag wirklich leben?

Durch konsequente Ermessensdokumentation, klare Policy‑Begründungen, transparente Sensitivitätsanalysen, eine saubere Verzahnung von Innen‑ und Außensteuerung (MPMs nach IFRS 18) und eine Unternehmenskultur, in der Wahrheit Vorrang vor „gewünschter Optik“ hat. Wer das praktiziert, gewinnt Vertrauen – und Vertrauen senkt Finanzierungskosten.


12) Warum ist True & Fair View für Studierende und junge Fachkräfte so wichtig?

Weil es das Denken hinter Rechnungslegung formt. Studierende lernen nicht nur Regeln, sondern das Warum dahinter: Transparenz, Verantwortung, Glaubwürdigkeit. Wer True & Fair versteht, versteht IFRS – und sieht sofort, warum vereinfachte Standards wie Swiss GAAP FER nur begrenzt zukunftsfähig sind.


13) Gibt es True & Fair View auch in ESG‑Berichten?

Ja – und zwar zunehmend. Regulatoren wie EFRAG verlangen, dass Nachhaltigkeitsangaben verlässlich, nachvollziehbar und prüfbar sind. Ein ESG‑Bericht, der „grün glättet“, ist das Gegenteil von True & Fair. IFRS (ISSA/ESRS) entwickeln sich zu einem integrierten Transparenzsystem, in dem True & Fair View finanzielle UND nicht-finanzielle Realität abbildet.


14) Warum ist True & Fair View heute relevanter denn je?

Weil moderne Unternehmen komplex, global vernetzt, datengetrieben und volatil sind. In solchen Strukturen sind Ermessensannahmen unvermeidlich. Je komplexer die Welt, desto wichtiger die Ehrlichkeit in der Darstellung. True & Fair View ist die Antwort der Rechnungslegung auf die Frage: „Kann ich mich auf diese Zahlen verlassen?“ – und diese Frage ist heute wertvoller denn je.

bottom of page