Strategische Autarkie: Warum ESRS E5 und die Endlichkeit der Rohstoffe deine Wirtschaftswelt neu definieren
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- vor 6 Tagen
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Vom „Take–Make–Waste“ zu deiner Bilanzchance
Über Jahrzehnte funktionierte unser globales Wirtschaftssystem nach einem simplen Prinzip: Rohstoffe abbauen, verarbeiten, kurz nutzen und entsorgen. Dieses lineare Modell stößt nun an seine physischen und regulatorischen Grenzen. Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und den dazugehörigen European Sustainability Reporting Standards (ESRS) hebt die EU die Kreislaufwirtschaft aus der Nische direkt in deine Verantwortung als Finanz- oder Managementprofi.
Besonders der Standard ESRS E5 macht Zirkularität zu einem harten Bilanz- und Strategiethema. In der DACH-Region stehst du vor einer historischen Transformation: Du musst Materialflüsse künftig so präzise steuern wie deine Cashflows – und darüber prüfpflichtig berichten. Wer hier nur an „Mülltrennung“ denkt, verkennt die strategische Dimension: Es geht um nichts Geringeres als die Sicherung deiner künftigen Produktionsfähigkeit.
Was verlangt ESRS E5 konkret von dir?
Der Standard ESRS E5 („Resource use and circular economy“) ist weit mehr als eine Fleißaufgabe für das Reporting. Er verlangt von dir eine detaillierte Offenlegung darüber, wie dein Unternehmen mit Ressourcen umgeht und welche Zuflüsse (Inflows) sowie Abflüsse (Outflows) entstehen. Dabei musst du nicht nur Ziele und Maßnahmen, sondern auch die konkreten finanziellen Auswirkungen (E5-6) quantifizieren.
Deine Kernelemente der Berichterstattung:
Ressourcen-Zuflüsse: Anteil von Primärrohstoffen gegenüber Sekundärrohstoffen (recycelt oder wiederverwendet).
Ressourcen-Abflüsse: Design-Qualität, Reparierbarkeit, Wiederverwendungsrate und Abfallmengen.
Abfallhierarchie: Vermeidung vor Wiederverwendung, vor Refurbishment, vor Remanufacturing und erst ganz am Ende Recycling.
Doppelte Wesentlichkeit: Du berichtest sowohl über deine Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft als auch darüber, wie die Endlichkeit von Rohstoffen deine eigene finanzielle Stabilität bedroht.
Regulatorische Zeitleiste (Update Dezember 2025): Wer muss wann liefern?
Die regulatorische Landschaft hat sich 2025 durch strategische Anpassungen der EU-Kommission deutlich verändert. Für dich gelten nun folgende Fixpunkte:
Welle 1 (Berichtsjahr 2024): Große kapitalmarktorientierte Unternehmen (> 500 MA) sind bereits voll in der Pflicht. Durch den „Quick-Fix“ vom November 2025 hast du temporäre Erleichterungen bei der Offenlegung der Wertschöpfungskette für das erste Berichtsjahr.
Welle 2 & 3 (Verschiebung durch „Stop-the-Clock“): Der Start für viele mittelgroße Unternehmen sowie börsennotierte KMU rückt um zwei Jahre nach hinten. Deine Pflicht zur Berichterstattung greift hier faktisch erst für das Geschäftsjahr 2027/2028.
Schweiz-Echoeffekt: Schweizer Unternehmen wiegen sich oft in falscher Sicherheit. Doch als Zulieferer für deutsche oder österreichische Industriegiganten bist du de facto gezwungen, ESRS-kompatible Daten zu liefern. Ohne „E5-Readiness“ drohst du, aus den Lieferantenlisten der EU-Konzerne zu fliegen.
Warum die Rohstofffrage zu deinem CFO-Thema wird
Die Dringlichkeit von ESRS E5 wird klar, wenn du die geologischen Fakten betrachtest. Europa ist bei kritischen Metallen fast vollständig von Importen abhängig. Die statische Reichweite (Quelle: Oö. Zukunftsakademie) vieler Schlüsselressourcen zeigt dir, dass das Zeitfenster für ein „Weiter wie bisher“ fast geschlossen ist.
Die Rohstoff-Uhr tickt ... (Top 20 Auszug):
Antimon & Indium: Reichweite nur noch ca. 12 Jahre (essentiell für Mikrochips und Screens).
Zinn & Zink: Reichweite ca. 14–15 Jahre (kritisch für Lötprozesse und Korrosionsschutz).
Blei & Gold: Reichweite ca. 17–18 Jahre.
Silber: Reichweite ca. 25 Jahre (unverzichtbar nicht nur für Photovoltaik).
Wenn ein Rohstoff in 12 Jahren physisch kaum noch verfügbar oder unbezahlbar ist, wird Kreislaufwirtschaft für Dein Unternehmen zur Existenzsicherung. Du musst heute entscheiden, wie du den Zugriff auf diese Materialien morgen sicherst.
Hier eine Übersicht der Endlichkeit der Rohstoffe
in Anlehnung an Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, Oö Zukunftsakademie: Endlichkeit der Rohstoffe, 3. Aufl. 2024, (eigene Darstellung) deren Bericht wir nur wärmstens empfehlen können:

Dein Gamechanger: Product-as-a-Service (PaaS)
Um die Kontrolle über knappe Ressourcen zu behalten, stellen führende Unternehmen ihre Geschäftsmodelle radikal um. Der Sammelbegriff hierfür ist Product-as-a-Service (PaaS).
Fiktives Praxisbeispiel TechBau AG:
Früher wurden Pumpen verkauft – und damit auch der wertvolle Edelstahl und das Neodym in den Magneten.
Die Transformation: Du stellst auf „Pumping-as-a-Service“ um. Dein Kunde zahlt für die Fördermenge, nicht für die Hardware.
Bilanz-Effekt: Die Pumpe bleibt in deinem Anlagevermögen. Am Ende der Laufzeit wird sie durch Remanufacturing wieder in den Neuzustand versetzt.
Ergebnis: Du behältst deine Rohstoffe im Haus, reduzierst deinen Abfall nach ESRS E5 auf fast Null und generierst planbare, monatliche Cashflows. Das ist Rohstoff-Hedging direkt über dein Geschäftsmodell.
Und dass die Pumpe im Anlagevermögen bleibt bring gerade mit der IFRS noch weitere Vorteil mit sich, die wir hier exemplarisch auflisten möchten.
1. Finanzielle Vorteile & Bilanz-Effekte (IFRS Fokus)
Glättung der Erträge (Revenue Smoothing):
Früher: Einmaliger hoher Umsatz beim Verkauf, danach nichts mehr (volatile Erlöse).
Heute (IFRS 15): Der Umsatz wird über die Vertragslaufzeit verteilt realisiert. Das führt zu einer geringeren Volatilität und macht das Unternehmen für Investoren attraktiver, da die Erträge prognostizierbar sind.
Verbesserung der Bewertung durch "Annuity-Charakter":
Planbare monatliche Cashflows werden vom Markt oft mit einem höheren KGV (P/E Ratio) bewertet als unregelmäßige Verkäufe, da das Risiko eines plötzlichen Umsatzabbruchs sinkt.
Substanzwert-Erhalt (Asset Retention):
Da die Pumpen (und damit die Rohstoffe wie Neodym) im Anlagevermögen bleiben, steigt die Bilanzsumme. In Zeiten steigender Rohstoffpreise wirkt das Modell wie ein natürlicher Hedge (Absicherung), da man die teuren Rohstoffe nicht für einen Festpreis verkauft hat, sondern deren Wert kontrolliert.
2. Strategische & ESG Vorteile (ESRS Fokus)
Reporting-Vorteil nach ESRS E5 (Kreislaufwirtschaft):
Unternehmen müssen künftig detailliert über ihren Ressourcenverbrauch berichten. Durch das "Remanufacturing" zeigt die TechBau AG, dass sie Produkte im Kreislauf hält. Dies verbessert das ESG-Rating, was wiederum die Kapitalkosten (WACC) senkt, da grüne Fonds bevorzugt investieren.
Kundenbindung (Lock-in Effect):
Der Kunde kauft kein Produkt, sondern eine Lösung. Das erschwert den Wechsel zur Konkurrenz und sichert langfristige Marktanteile.
Digital Product Passport (DPP): Dein Datenturbo
Ab 2025 wird der Digitale Produktpass (DPP) zum wichtigsten Werkzeug. Zunächst für Stahl und Batterien eingeführt, wird er künftig für fast alle Produkte Pflicht. Er speichert Infos über Materialzusammensetzung und Herkunft. Für dich bedeutet das: Die Daten für deinen ESRS E5-Bericht musst du nicht mühsam zusammensuchen – sie „reisen“ digital mit deinem Produkt mit. Das ist die Basis für eine erfolgreiche Assurance (Prüfung) durch deinen Wirtschaftsprüfer.
FAQs: Das Wichtigste für dich als Entscheider
Musst du zwingend nach ESRS E5 berichten?
Ja, wenn das Thema in deiner Wesentlichkeitsanalyse als „wesentlich“ identifiziert wurde. Für produzierende Unternehmen ist das fast immer der Fall.
Was ist der Unterschied zwischen Recycling und Remanufacturing?
Recycling gewinnt Material zurück (oft mit Qualitätsverlust). Remanufacturing ist die hochwertige Aufarbeitung deines Produkts auf Neuzustand-Niveau.
Wie wirkt sich Kreislaufwirtschaft auf dein Banken-Rating aus?
Massiv. Banken nutzen ESG-Daten für ihre Risikoanalyse. Hohe Zirkularitätsquoten bedeuten bessere Zinsen (Green Loans).
Gilt die CSRD-Pflicht auch für dich als kleiner Schweizer Zulieferer?
Nicht direkt per Gesetz, aber faktisch durch deine Kunden. Ohne Daten verlierst du Aufträge im EU-Raum.
Was bedeutet „Limited Assurance“ für deinen Bericht?
Dein Wirtschaftsprüfer prüft den Bericht auf Plausibilität. Ab 2028 kommt „Reasonable Assurance“ – so streng wie deine Finanzbilanz.
Kannst du im ersten Jahr Erleichterungen nutzen?
Ja, der „Quick-Fix“ erlaubt dir, bestimmte komplexe Daten zur Lieferkette im ersten Jahr wegzulassen.
Wie berechnest du deinen Zirkularitäts-Index?
Wichtigste Kennzahl: Anteil der Sekundärrohstoffe am Gesamtgewicht deiner Einsatzstoffe.
Was ist die größte Hürde bei PaaS-Modellen?
Liquidität. Du brauchst eine starke "Vor"-Finanzierung, da du kein Geld beim Verkauf bekommst, sondern monatlich.
Fazit: Deine Zukunft ist rund
Die Endlichkeit der Rohstoffe ist keine Theorie, sondern eine datierbare Herausforderung für dich. Wenn du verstehst, wie du ESRS E5 als Anleitung zur Unabhängigkeit nutzt, sicherst du dir deinen Platz am Markt.
Wir am NextLevel.College bereiten dich genau darauf vor: Wo Nachhaltigkeit auf deine Bilanz trifft und aus Risiken neue Geschäftsmodelle entstehen. ACCA-Niveau von Anfang an.
Sei bereit für das nächste Level – deine Zukunft ist zirkulär.




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