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Warum sind variable Kosten keine Preisuntergrenze

Kurz erklärt

Die klassische Kostenrechnung definiert die Preisuntergrenze häufig über variable Kosten oder – alternativ – über Herstellkosten. Diese Sichtweise ist rechnerisch korrekt, greift jedoch zu kurz, weil sie einen zentralen wirtschaftlichen Faktor ausblendet: Zeit.


Jeder Auftrag – auch ein Zusatzauftrag – bindet produktive Kapazität über einen bestimmten Zeitraum. Eine Preisuntergrenze, die diesen Zeitverbrauch nicht berücksichtigt, ist liquiditätsorientiert, aber nicht ökonomisch tragfähig.

Der zugrunde liegende Begriff

Was ist mit „Preisuntergrenze“ gemeint?

Die Preisuntergrenze beschreibt jenen Preis, unterhalb dessen ein Auftrag aus wirtschaftlicher Sicht nicht akzeptiert werden der klassischen Lehre werden dabei vor allem zwei Varianten unterschieden:


  • Kurzfristige Preisuntergrenze: variable Kosten

  • Langfristige Preisuntergrenze: Herstellkosten


Die Idee dahinter lautet:

Fixkosten fallen ohnehin an und sind kurzfristig nicht beeinflussbar.Für Zusatzaufträge zählen daher nur die variablen Kosten.

Diese Logik ist formal konsistent – sie stammt jedoch aus einem kosten‑ und mengenorientierten Denken, in dem Zeit als knappe Ressource kaum berücksichtigt wurde.



Warum diese Sichtweise problematisch ist

1. Variable Kosten sind keine ökonomische Untergrenze

Variable Kosten beantworten lediglich eine Frage:

Verschlechtert sich meine kurzfristige Liquidität?

Sie beantworten nicht:

  • ob knappe Kapazität blockiert wird

  • ob andere, wertvollere Aufträge verdrängt werden

  • ob das System über Zeit an Leistungsfähigkeit verliert


Ein Auftrag, der nur die variablen Kosten deckt, verursacht zwar keinen sofort sichtbaren Verlust – er verbraucht jedoch Zeit, die an anderer Stelle wertschöpfender eingesetzt werden könnte.


Damit sind variable Kosten keine Preisuntergrenze, sondern bestenfalls eine Liquiditätsuntergrenze.



2. Auch Herstellkosten greifen zu kurz

Herstellkosten erweitern den Blick, bleiben aber ebenfalls unvollständig.

Sie stellen sicher, dass:

  • Produktionskosten gedeckt sind


Sie stellen nicht sicher, dass:

  • die gebundene Zeit angemessen vergütet wird

  • die Leistungsfähigkeit des Systems erhalten bleibt


Gerade nach Prozess‑ oder Digitalisierungsinitiativen ist das kritisch:

  • Durchlaufzeiten sinken

  • verfügbare Zeit steigt

  • Zeit erhält einen eigenständigen wirtschaftlichen Wert


Wenn diese zusätzliche Zeit durch Aufträge ohne angemessenen Ertrag gefüllt wird, wird der Transformationsgewinn still neutralisiert.



Der Kernfehler klassischer Preisuntergrenzen

Der zentrale Denkfehler lautet:

Fixkosten fallen sowieso an – also spielen sie für Zusatzaufträge keine Rolle.

Diese Aussage ist nur dann korrekt, wenn:

  • Kapazität unbegrenzt ist

  • Zeit keinen Engpass darstellt

  • keine Alternativen verdrängt werden


In realen Organisationen ist das Gegenteil der Fall:

  • Zeit ist knapp

  • Kapazität ist begrenzt

  • jede Belegung hat Opportunitätskosten



Die Zeitperspektive

Jeder Auftrag bindet:

  • Produktionszeit

  • Planungs‑ und Steuerungszeit

  • Managementaufmerksamkeit


Zeit ist:

  • nicht beliebig skalierbar

  • nicht rückholbar

  • immer mit einem Nutzungspreis verbunden


Aus ökonomischer Sicht ist Zeit daher kein Nebenfaktor, sondern der zentrale Träger von Wertschöpfung.



Normalgewinn neu interpretiert

In der Kostenrechnung wird häufig von einem kalkulatorischen Normalgewinn gesprochen.Dieser wird oft als „Aufschlag“ oder „Extra“ wahrgenommen.

Aus einer zeitökonomischen Perspektive lässt sich der Normalgewinn jedoch anders verstehen:

Der Normalgewinn ist die Vergütung für die Nutzung knapper Kapazität über Zeit.

Er ist damit keine Gewinnmaximierung, sondern:

  • eine Zeit‑Prämie

  • eine Kapazitäts‑Nutzungsgebühr

  • die „Miete“ für das wirtschaftliche System


Wird dieser Betrag unterschritten, wird Zeit genutzt, ohne angemessen vergütet zu werden.



Time‑Value Costing als Korrektiv

Time‑Value Costing ergänzt die klassische Kostenrechnung um eine explizite Zeitdimension:


  • Kosten entstehen nicht nur durch Ressourceneinsatz

  • sondern durch Bindung dieser Ressourcen über Zeit


Daraus ergibt sich eine ökonomisch konsistente Preisuntergrenze:

Selbstkosten plus normaler Gewinn (verstanden als Zeit‑Prämie)

Diese Untergrenze stellt sicher, dass:

  • Kosten gedeckt sind

  • Zeit nicht entwertet wird

  • Transformationserfolge erhalten bleiben



Zusatzaufträge konsequent bewertet

Zusatzaufträge sind keine Sonderfälle außerhalb der ökonomischen Logik. Sie beanspruchen dieselbe knappe Zeit wie reguläre Aufträge.


Deshalb gilt:

  • Zusatzaufträge sollten nicht unterhalb der Selbstkosten angenommen werden

  • ein normaler Gewinn ist Mindestvergütung, kein Luxus


Wer Zusatzaufträge ohne Zeit‑Prämie akzeptiert:

  • subventioniert fremde Wertschöpfung

  • verbraucht eigene Kapazität

  • schwächt langfristig die Ertragskraft


Vereinfachtes Beispiel

Ein Unternehmen erzielt im Normalbetrieb:

  • Selbstkosten: 100 GE

  • Normalgewinn: 10 GE


Ein Zusatzauftrag zu 100 GE

  • deckt rechnerisch die Kosten

  • bindet jedoch dieselbe Zeit wie ein regulärer Auftrag


Ökonomisch wird Zeit genutzt, ohne vergütet zu werden. Der resultierende Schaden ist nicht sofort sichtbar – wirkt jedoch kumulativ über die Zeit.



Fazit

Die klassische Lehre zur Preisuntergrenze ist rechnerisch korrekt, aber zeitlich unvollständig.

In zeitkritischen, transformierenden Organisationen gilt:

Eine Preisuntergrenze ohne Zeit ist keine ökonomische Preisuntergrenze.

Eine tragfähige Preisuntergrenze muss:

  • Selbstkosten decken

  • und den Wert der gebundenen Zeit berücksichtigen

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