Value at Risk (VaR) & Sensitivitäten (inkl. Greeks)
NextLevel© Level 1–3 | Referenzdokument für CFOs, Controller & Treasury
Kurze Definition: Was ist der Value at Risk wirklich?
Der Value at Risk (VaR) ist die wohl am häufigsten genutzte Kennzahl im Finanzrisikomanagement. Er versucht, in einer einzigen Zahl auszudrücken:
„Wie viel Geld können wir unter normalen Marktbedingungen verlieren, und zwar mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit (z. B. 95 %, 99 % oder 99.9 %)?“
Er ist damit eine Art finanzieller Wetterbericht, der sagt:
nicht ob es stürmt,
sondern wie stark es im schlimmsten normalen Fall stürmt.
Einfach für Anfänger:
„Mit 99 % Sicherheit verlieren wir morgen nicht mehr als CHF X.“
So weit, so gut. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Der VaR ist keine Kristallkugel und verhindert keine Krisen – aber er macht Risiken erstmals greifbar.
Und genau darin steckt seine Stärke.

2. Sensitivitäten & Greeks: Die echte Ursachenforschung
Greeks = Ursachenrisiken
Während der VaR „die Temperatur“ misst, zeigen die Sensitivitäten / Greeks, warum die Temperatur überhaupt steigt:
Wechselkursschwankungen
Rohstoffpreisbewegungen
Zinsänderungen
Volatilität / Marktpanik
Zeitverfall
Die tiefere, praxisorientierte Greeks-Tabelle mit Business-Übersetzung
Greek | Fachliche Erklärung | Praxisbeispiel | CFO-/Controller-Sprache („So What?“) |
Delta | Preisänderung pro 1 Einheit Basiswert | USD steigt um 0.01 CHF → Option steigt um 0.006 CHF | „Wie stark sinkt unsere EBIT-Marge pro Rappen Wechselkursänderung?“ |
Gamma | Beschleunigung von Delta | Markt wird extrem volatil | „Ab wann kippt das Risiko und reagiert überproportional?“ |
Vega | Empfindlichkeit gegenüber Volatilität | Marktpanik → Volatilität steigt → Hedging wird teurer | „Wie teuer wird unsere Absicherung, wenn alle in den Panikmodus gehen?“ |
Theta | Zeitwertverfall | Option verliert pro Tag CHF 12'000 an Wert | „Was kostet uns das Zuwarten und Entscheiden-Nicht-Wollen?“ |
Rho | Empfindlichkeit gegenüber Zinsen | SNB erhöht Zinsen um 1 % | „Wie stark steigen unsere Leasingkosten, Kreditzinsen und Pensionsrückstellungen?“ |
Wichtiger Punkt für Nicht-Banker:
Die Greeks sind keine Bank-Erfindung, sondern universell, sobald ein Unternehmen Derivate nutzt – also fast jedes Grossunternehmen heute. Mehr dazu in unserem Glossar-Artikel "Plain-Vanilla".
3. Praxisbeispiele: Was passiert in der echten Welt?
Beispiel A: Industrie (Chemie, Maschinenbau, Pharma)
Ein Unternehmen kauft jährlich grosse Mengen Rohstoffe in USD.
USD steigt → Marge fällt
je nach Materialkostenanteil kann 1 % USD‑Anstieg 3–7 % EBIT kosten
→ Der VaR zeigt dem CFO täglich, wie hoch der mögliche Schaden morgen ist.→ Die Sensitivitäten zeigen, wie und wo dieser Schaden entsteht.
Nutzen:
Preisgestaltung mit Risiko-Korridor
Cashflow-Stabilität
gezielte Absicherung ab Schwellenwert
Beispiel B: Energie / Commodity-Handel
Energiepreise können sich innerhalb weniger Stunden verdoppeln. Delta, Gamma und Vega sind hier besonders gefährlich.
Hohe Vega → Absicherungen werden extrem teuer
Hohe Gamma → kleine Marktbewegungen wirken plötzlich exponentiell
Folge:→ Liquiditätsengpässe durch Margin Calls→ VaR hilft, die Liquidität auf Sicht von Stunden zu planen→ Energieversorger arbeiten deshalb mit Liquidity-at-Risk
Beispiel C: Banken – und warum VaR Krisen nicht verhindert hat
Banken nutzen VaR seit den 1990er Jahren. Er ist Bestandteil der Basel-Regulatorik.
Aber Beispiele zeigen die Grenzen:
1. UBS (2008)
VaR wurde unterschritten
Die grössten Verluste kamen nicht aus normalen Marktbewegungen
→ VaR war blind für komplizierte CDO-Strukturen
2. JP Morgan „London Whale“ (2012)
VaR wurde manipuliert / schöngerechnet
→ Risikoberichte wirkten harmlos, während Positionen explodierten
3. Silicon Valley Bank (2023)
Zinsrisiko massiv unterschätzt
VaR hat steigende langfristige Zinsen nicht korrekt abgebildet
→ Kein Hedging der Staatsanleihen → Bankpleite
4. Weyerhäuser (Holzbranche)
Auch im Rohstoffbereich führte falsches Risikomanagement zu
Überinvestitionen
Instabilität bei Preisstürzen
Verluste durch mangelnde Absicherung
→ VaR hätte nicht die Entscheidung getroffen – aber die Risikotoleranz sichtbar gemacht.
Lehre:
Der VaR verhindert keine Krisen, aber er zeigt Transparenz über Risiken, bevor sie gefährlich werden.
4. Warum Budgets nicht ausreichen (CFO-Perspektive)
Viele CFOs sagen:
„Wir haben ein Budget, wir rechnen mit 1.10.“
Das Problem:
Die Märkte wissen nichts vom Budget.
Budget = eine ZahlVaR = ein KorridorES = der Schaden im Ernstfall
Modernes Controlling benötigt risikoadjustierte Planung:
statt „Wir planen mit 1.10“
besser „Wir planen mit 1.10 ± 5 % und halten CHF 800’000 Puffer bereit“
Das ist Risk-Adjusted Forecasting.
5. Expected Shortfall: Die ehrlichere Risiko-Kennzahl
Der VaR sagt:
„Mit 99 % Sicherheit verlieren wir nicht mehr als CHF X.“
Der Expected Shortfall (ES) sagt:
„Und wenn wir in diesem 1 %‑Fall sind, wie schlimm wird es dann durchschnittlich?“
CFOs sollten ES immer mitdenken, weil:
der ES reale Krisensituationen widerspiegelt
Regulatoren (Basel) ES bevorzugen
extreme Marktbewegungen immer häufiger werden
6. Typische Probleme – und wie moderne Unternehmen sie lösen
Problem 1: Normalverteilungsannahme unrealistisch → Fat Tails
Lösung: Historische Simulation + extremere Szenarien
Problem 2: VaR unterschätzt Krisen
Lösung: Expected Shortfall, Stress Tests, Reverse Stress Tests→ „Was müsste passieren, damit wir insolvent werden?“
Problem 3: Risikoquellen werden nicht richtig verstanden
Lösung: Sensitivitätskarte „1 % Veränderung = X CHF EBIT“
Problem 4: VaR wird zu selten aktualisiert
Lösung: Automatisierung (tägliche Berechnung)
7. 7. Globaler Standard: Der Brückenschlag zu ACCA & CIMA
Unser NextLevel©-Curriculum orientiert sich an den strengen Anforderungen der weltweit führenden Finanzverbände. Damit stellen wir sicher, dass Sie – egal ob als Diplom Betriebswirtschafter HF (Professional Bachelor), Technischer Kaufmann oder Informatiker – Kompetenzen erwerben, die auch in London, New York oder Singapur als State-of-the-Art gelten.
ACCA APM (Advanced Performance Management)
Im ACCA-Standard ist der Value at Risk kein mathematischer Selbstzweck, sondern der Motor für modernes Performance Management.
Risiko-adjustierte KPIs: Wir lehren Sie, Erfolg nicht nur in "Gewinn" zu messen, sondern im Verhältnis zum eingegangenen Risiko.
Value Creation: Sie lernen, wie man den Economic Value Added (EVA) schützt, indem man Volatilität aktiv steuert, statt sie nur zu erdulden.
CIMA P3 (Risk Management)
Für CIMA-Profis ist der VaR das Herzstück des Enterprise Risk Management (ERM).
Ganzheitliche Bewertung: Wir übertragen die Logik von Marktrisiken (Währung/Zins) auf operative Risiken (Cyber/Prozesse).
Risk Governance: Sie entwickeln sich zum strategischen Entscheidungsträger, der ein Framework baut, in dem Risiken nicht verhindert, sondern optimal bewirtschaftet werden.
Financial Risk Management (FRM) – der globale Benchmark für Risikodisziplin
International gilt der Value at Risk als zentrales Referenzinstrument des Financial Risk Management (FRM)
