Throughput Accounting (TA) & Time‑Driven Activity‑Based Costing (TDABC)
Deutsch: Durchsatzrechnung & zeitgetriebene Prozesskostenrechnung
Status: Advanced Costing Framework
Präzise Definition
Throughput Accounting (TA) ist ein Engpass‑fokussiertes Steuerungssystem aus der Theory of Constraints (TOC / Theorie der Engpässe), das Durchsatz pro Engpass‑Minute maximiert und Entscheidungen konsequent nach diesem Engpasswert priorisiert.
Time‑Driven Activity‑Based Costing (TDABC / zeitgetriebene Prozesskostenrechnung) ist eine skalierbare Weiterentwicklung von Activity‑Based Costing (ABC / tätigkeitsbasierte Kostenrechnung). TDABC weist Kosten auf Basis von Zeitgleichungen und einer Kapazitätskostenrate zu – mit realistischer praktischer Kapazität (80–85 % der theoretischen Zeit).
1) Executive Summary
Klassische Kostenrechnung verliert sich oft in Verteilungen von Fixkosten und liefert wenig Handlungsrelevanz in komplexen Systemen. TA und TDABC schaffen genau das Gegenteil: Klarheit.
TA beantwortet die strategische Frage: „Was limitiert unseren Gewinn wirklich?“ – und richtet Produkt‑, Kunden‑ und Auftragspriorität auf Durchsatz je Engpass‑Minute (TPC) aus.
TDABC beantwortet die operative Frage: „Was kostet uns die Prozess‑Zeit wirklich?“ – und macht Kosten pro Minute sowie Komplexität transparent, automatisierbar und steuerbar.
Synergie: TDABC liefert präzise Zeit‑ und Kostenrealität, TA macht daraus wirkungsvolle Priorisierungs‑ und Pricing‑Entscheidungen. In Kombination entstehen Steuerungsmodelle, die von EBIT (Earnings Before Interest and Taxes / Ergebnis vor Zinsen und Steuern) bis zum Shopfloor konsistent sind.
Zertifizierungs‑Level:
Strategic (ACCA – Association of Chartered Certified Accountants / Vereinigung der international anerkannten Wirtschaftsprüfer; CIMA – Chartered Institute of Management Accountants / Britisches Institut für Management Accounting; MVA© – Minimum viable Audit / NextLevel)

2) Das konzeptionelle Fundament
A) Throughput Accounting (TA) – Die Logik des Engpasses
Ein Unternehmen ist nur so produktiv wie sein Engpass (Constraint). TA unterscheidet drei Größen:
Throughput (T / Durchsatz) = Verkaufspreis − absolut variable Kosten (typisch Material)
Operating Expenses (OE / betriebliche Aufwendungen) = alle übrigen, kurzfristig fixen Kosten (inkl. Löhne, Overheads)
Investment (I / gebundenes Kapital) = Vorräte, Anlagen, WIP (Work in Progress / in Arbeit)
Kernprinzip: Jede Minute Stillstand am Engpass vernichtet Gewinnpotenzial. Entscheidungen müssen den Engpass entlasten oder seinen Output erhöhen.
Strategische Konsequenzen:
Produkte/Kunden nach TPC (Throughput per Constraint Minute) priorisieren, nicht nach Bruttomarge.
Pricing und Mix so steuern, dass Engpasszeit maximalen Wert erzeugt.
Prozessverbesserungen auf Engpass‑Stufen fokussieren (Setup‑Reduktion, Qualität, Wartung, Scheduling).
TOC‑Praxis (5 Fokussierungsschritte):
Engpass identifizieren →
Engpass optimal ausnutzen →
Alles andere nach Engpass subordinieren →
Engpass erweitern →
Neuen Engpass suchen (Iterationsschleife).
B) Time‑Driven Activity‑Based Costing (TDABC) – Kosten pro Minute
TDABC ersetzt aufwändige Treiber‑Kataloge des klassischen ABC durch zwei einfache, belastbare Parameter:
Kapazitätskostenrate (Cost per Time Unit)
Zeitgleichungen (Time Equations) für Prozesse/Aufträge/Kunden
Vorteile:
Realismus durch praktische Kapazität (80–85 %) statt theoretischer Volllast (Pausen, Meetings, Rüstzeiten inkludiert).
Skalierbarkeit und Automatisierung (BI‑fähig, Data Mesh‑fähig).
Komplexitätskosten und Variantenvielfalt werden sichtbar (z. B. Sondereinstellungen, Neukunden‑Onboarding, Zusatzpositionen).
3) Die mathematische Logik (Wix‑/Markdown‑kompatibel)
3.1 Throughput Accounting – Kern‑KPIs
Durchsatz pro Einheit
T = Verkaufspreis - Materialkosten
Durchsatz pro Engpass-Minute (TPC)
TPC = T / Engpasszeit_pro_Einheit_in_Minuten
Entscheidungsregel (Priorisierung)
Rangfolge = absteigend nach TPC
Hinweis: TPC ersetzt die reine Margenlogik. Ein Produkt mit kleinerer Marge kann wertvoller sein, wenn es Engpasszeit weniger verbraucht.
3.2 TDABC – Kapazität, Zeitgleichungen, Prozesskosten
Praktische Kapazität (80–85 % der Theorie)
Praktische_Kapazität_in_Minuten = Theoretische_Minuten_pro_Period * 0.80 ... 0.85
Kapazitätskostenrate
Kosten_pro_Minute = Gesamtkosten_der_Ressource_pro_Period / Praktische_Kapazität_in_Minuten
Zeitgleichung (Beispiel)
Zeit_je_Auftrag_in_Min = Basiszeit
+ 2.0 * (Neukunde_ja_nein)
+ 1.0 * (Anzahl_Zusatzartikel)
+ 3.0 * (Sonderprüfung_ja_nein)
Prozesskosten
Prozesskosten_CHF = Zeit_je_Auftrag_in_Min * Kosten_pro_Minute
Un-/genutzte Kapazität (Transparenz)
Unused_Capacity_Min = Praktische_Kapazität_in_Minuten - Summe_tatsächlich_verbrauchter_Minuten
Kosten_Unused_Capacity_CHF = Unused_Capacity_Min * Kosten_pro_Minute
4) Integration in Variance Analysis (Abweichungsanalyse)
TDABC und TA schärfen klassische Varianzberichte:
Capacity Utilization Variance (Kapazitätsnutzung):TDABC zeigt bezahlte, aber ungenutzte Minuten und monetarisiert Idle Time.
Throughput Variance (Engpass‑Wert):TA misst Veränderungen des Durchsatzes am Engpass (z. B. Mix‑Shifts, Ausfälle, Qualitätsverluste).
Mix Variance (Absatzmix):TA bewertet, ob der Vertriebs‑Mix die Engpasszeit mit hochwertigem Durchsatz füllt – Billigaufträge können den Engpass verstopfen.
Efficiency Variance (Effizienz):TDABC zeigt, ob Zeitgleichungen realistisch sind (Prozessdrift, Lernkurven, neue Komplexität).
Best Practice: Waterfall‑Bridges von Umsatz → Deckungsbeitrag (Contribution Margin) → TA/TDABC‑Treiber → EBIT mit klaren Ownern und Maßnahmen.
5) Praxisbeispiele
5.1 Produktionsbeispiel – Priorisierung über TPC
Gegeben: 10.000 Minuten praktische Engpasskapazität; Teamkosten 8.000 CHF → Kosten/Minute 0.80 CHF (TDABC).Produkt A: Engpasszeit 10 Min, Durchsatz (T) 50 CHF →
TPC_A = 50 / 10 = 5.00 CHF/Min
Produkt B: Engpasszeit 30 Min, Durchsatz (T) 120 CHF →
TPC_B = 120 / 30 = 4.00 CHF/Min
Entscheidung: A priorisieren, obwohl B absolut höheren Durchsatz je Einheit hat – Engpassminute ist der Engpass‑Werttreiber.
Weitere Steuerungshebel:
Rüstzeitreduktion am Engpass (Setup‑SMED),
Qualitätsverbesserung (weniger Rework → mehr T je Engpassminute),
Pricing/Mix so ausrichten, dass TPC steigt.
5.2 Servicebeispiel – TDABC macht Komplexität sichtbar
Call‑Center‑Team: 12.000 theoretische Minuten/Monat → praktische Kapazität 10.200 Min (85 %).Teamkosten CHF 24.480/Monat →
Kosten/Minute = 24'480 / 10'200 ≈ 2.40 CHF/Min
Zeitgleichung pro Ticket:
Zeit_Min = 4.0 (Basis)
+ 3.0 * (Neukunde)
+ 2.0 * (Premium_SLA)
+ 1.5 * (Übersetzung_erforderlich)
Fall: Neukunde + Premium + Übersetzung →
Zeit = 4 + 3 + 2 + 1.5 = 10.5 Min
Kosten = 10.5 * 2.40 = 25.20 CHF
Wirkung: Sofortige Transparenz über Kundensegmentkosten, SLA‑Kalkulation und Profitabilität pro Ticket/Kunde.
6) Governance & Operating Model
Praktische Kapazität verbindlich definieren (80–85 % je Ressource, dokumentiert; Anpassung bei Schichtmodell/Remote/Peakzeiten).
Zeitgleichungen pflegen (Review je Quartal/Änderungsereignis; Versionierung; Freigabeprozess).
Engpass‑Policy (TOC): Priorisierung nach TPC, tägliches Engpass‑Board (Planung, Wartung, Qualität).
Responsibility Accounting (Verantwortungsrechnung): Jede Varianz/KPI hat Owner, RCA (Root Cause Analysis / Ursachenanalyse), Maßnahme, Termin.
Data Mesh (Domänen‑Architektur): Semantik‑Layer „Costing/Profit“ mit einheitlichen Definitionen (T, OE, I, TPC, Kosten/Minute).
Incentives/OKR: Bonus logisch koppeln – operatives Ergebnis (nicht Planfehler), Engpass‑Output, Qualitäts‑ und Servicekriterien (Vermeidet „billig einkaufen, teuer verarbeiten“).
Audit Trail & Schulung: Dokumentierte Formeln, Beispiele, Lernpfad (ACCA/CIMA/MVA‑kompatibel).
7) Typische Fallstricke (und wie man sie vermeidet)
Fixkosten‑Fetisch: Verteilungslogik dominiert → TA/TDABC nutzen, um Entscheidungsrelevanz herzustellen.
Theoretische Vollauslastung statt praktischer Kapazität → führt zu Illusionen und Fehlpreisen.
Zeitgleichungen veralten (neue Tools/Komplexität) → regelmäßige Kalibrierung und Process Mining.
Engpass wechselt (Saisonalität, Qualifikation) → TOC‑Zyklus diszipliniert anwenden.
TPC ignoriert (Rückfall in Marge) → Governance & CFO‑Sponsoring fest verankern.
Silo‑Anreize (Einkauf nur Preis) → Qualität/Yield als Gegenpol in KPIs aufnehmen.
8) Erweiterter Deep Dive – Wertschöpfung durch Kombination
Pricing & Angebotssteuerung: Mindest‑TPC je Slot; Dynamic Mix nach Engpasslast.
S&OP (Sales & Operations Planning / Absatz- und Produktionsplanung): Engpass‑Slots als harte Restriktion; Geld/Minute statt Stückzahl.
Portfolio‑Management: Projekte/Aufträge nach CHF pro Engpassminute bewerten.
Forecasting & Variance Analysis: TDABC‑Zeitdrift → Efficiency Variance; Engpass‑Ausfall → Throughput Variance.
Lean Six Sigma: Yield/Usage‑Verbesserung steigert T und reduziert Engpasszeit → TPC rauf.
ESG (Environment, Social, Governance): Engpass‑Energieintensität und Zeitgleichungen liefern CO₂ pro Minute/Einheit → nachhaltige Steuerung.
9) Dashboard‑Blueprint (BI‑fähig)
Executive Bridge: Umsatz → CM → TA/TDABC‑Treiber → EBIT (Waterfall).
Engpass‑Cockpit: TPC nach Produkt/Kunde, Engpassauslastung (aktuell/Forecast), Idle Time, Wartungsfenster.
TDABC‑Kostenblick: Kosten/Minute je Ressource, Zeitgleichungen‑Heatmap, Unused Capacity (CHF).
Mix/Preis: CM/T, TPC‑Korridor, Mix‑Shifts, Angebots‑Simulator.
Anomalieerkennung: Outlier bei Zeit/Minute, Sprünge in TPC, Drift in praktischer Kapazität.
10) FAQs – für Praxis
F1: Was unterscheidet Throughput Accounting von traditioneller Kostenrechnung? TA fokussiert auf Durchsatz am Engpass statt auf Fixkostenverteilungen. Entscheidungen werden nach CHF je Engpassminute getroffen.
F2: Ist TDABC genauer als ABC? Ja. TDABC benötigt nur Kosten/Minute und Zeitgleichungen, bildet Komplexität realistisch ab und ist pflegeleicht.
F3: Warum praktische Kapazität (80–85 %)? Weil Pausen, Meetings, Störungen, Rüstzeiten real sind. Theoretische 100 % führen zu Schein‑Produktivität und falschen Preisen.
F4: Wie hängt TA mit Variance Analysis zusammen? TA/TDABC liefern Ursachentransparenz: Capacity, Efficiency, Mix, Throughput. Varianzen werden kausal und maßnahmenscharf.
F5: Können TA und TDABC parallel genutzt werden? Ja. TDABC misst Kosten/Minute, TA misst Wert/Minute. Zusammen entsteht Profit per Time.
F6: Wo ist TDABC besonders sinnvoll? In Service‑Bereichen, Shared Services, variantenreicher Fertigung, Multi‑Channel, Behörden – überall, wo Zeit & Komplexität dominieren.
F7: Ignoriert TA Fixkosten? Kurzfristig ja (entscheidungslogisch). Mittel-/langfristig gehören OE in Investitions‑ und Strukturentscheidungen – aber nicht in die Engpasspriorisierung.
F8: Wie werden Zeitgleichungen bestimmt? Interviews, Zeitstudien, Systemlogs, Process Mining; danach Kalibrierung und Review‑Zyklen.
F9: Was, wenn der Engpass wechselt? TOC‑Regel Nr. 5: Nach Entlastung neuen Engpass identifizieren. Das System bleibt zyklisch.
F10: Welche KPIs sind „must‑have“? TPC, Kosten/Minute, Unused Capacity (CHF), Engpassauslastung, Yield/Qualität, Mix‑Index, On‑Time‑Delivery.
F11: Wie fließt Qualität ein? Schlechtere Qualität reduziert T (Ausschuss/Nacharbeit) und erhöht Engpasszeit → TPC fällt. Deshalb Qualitäts‑KPIs koppeln.
F12: Wie hilft TDABC im Pricing? Es zeigt die prozessuale Mindestkostenbasis je Segment/Feature. Zusammen mit TA/TPC entsteht wert‑ und zeitbasiertes Pricing.
F13: Welche Tools eignen sich? Beliebige BI‑Stacks (z. B. Power BI), ERP‑Exporte, Data‑Warehouse oder Data Mesh. Wichtig sind saubere Definitionen und owner‑basierte Pflege.
F14: Warum können „favorable“ Effekte schaden? „Billiger“ Einkauf kann T scheinbar erhöhen, zugleich Yield/Qualität senken → mehr Engpasszeit → TPC verschlechtert sich.
F15: Wie beginne ich pragmatisch?
Engpass bestimmen, 2) Kosten/Minute für 1–2 Kernressourcen rechnen, 3) eine Zeitgleichung aufsetzen, 4) TPC testen, 5) SLA/Pricing anpassen, 6) skalieren.
