Der Baldwin‑Irrtum – warum einfache Abzinsung bei Reinvestitionen lügt
Kurze Definition (Prüfgegenstand)
Dieser Proof‑Artikel prüft die verbreitete Annahme, dass Investitionen mit Reinvestitionen korrekt bewertet werden können, indem alle Zahlungsströme einfach abgezinst werden. Die Analyse zeigt, dass diese Vorgehensweise implizit unrealistische Reinvestitionsannahmen trifft und dadurch Investitionsrenditen systematisch verzerrt darstellt.

1. Die verbreitete Verkürzung
In der Praxis wird häufig angenommen, dass:
Rückflüsse automatisch zum gleichen Zinssatz reinvestiert werden können,
Abzinsung alle Renditeeffekte korrekt abbildet,
Kapitalwert und interne Rendite widerspruchsfrei interpretierbar sind.
Typische Aussagen sind:
„Die Abzinsung berücksichtigt alles.“
„Die IRR zeigt die reale Projektrendite.“
Dabei wird übersehen, dass Reinvestitionen eigenständige Entscheidungen darstellen.
2. Warum diese Logik zunächst plausibel wirkt
Die Annahme erscheint schlüssig, weil:
mathematische Modelle Konsistenz suggerieren,
Zinssätze als objektive Größe wahrgenommen werden,
Reinvestitionsannahmen selten explizit hinterfragt werden.
Die formale Eleganz der Methode verdeckt ihre impliziten Voraussetzungen.
3. Wo die Logik systemisch bricht
Der Bruch entsteht, weil einfache Abzinsung implizit unterstellt, dass alle Zwischenrückflüsse stets zum gleichen Zinssatz wiederangelegt werden können. Diese Annahme ist in realen Investitionsumfeldern nicht haltbar.
Die tatsächliche Wiederveranlagung unterliegt:
Marktverfügbarkeit,
Risikoprofilen,
operativen Restriktionen.
4. Typische Folgen der falschen Annahme
Die verzerrte Bewertungslogik führt regelmäßig zu:
überschätzten Projektattraktivitäten,
Fehlpriorisierungen im Investitionsportfolio,
systematischer Überschätzung von Renditen.
Investitionsentscheidungen erscheinen rechnerisch solide, sind operativ jedoch nicht reproduzierbar.
5. Die notwendige Trennung der Logiken
Eine konsistente Bewertung erfordert die Unterscheidung:
Abzinsung beantwortet die Frage: Wie wird ein Zahlungsstrom vergleichbar gemacht?
Reinvestition beantwortet die Frage: Zu welchen Bedingungen können Rückflüsse erneut eingesetzt werden?
Ohne diese Trennung entsteht eine mathematisch saubere, aber ökonomisch irreführende Entscheidungsgrundlage.
Relevant im Kontext von Investitionsrechnung, Projektbewertung, Kapitalallokation und Finanzmodellierung.
